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2013/1 - Titus Müller

Zärtlich lieben

Ich lebe als moderner Mensch von der Abgrenzung. Ich kriege zu viele Mails, werde auf zu viele Geburtstagsfeiern eingeladen. Um nicht von den Anforderungen zerrissen zu werden, übe ich mich im Abschotten. An der Tür klingeln die Malteser und der Naturschutzbund. Anderntags soll ich Zeitschriften abonnieren und Gemüsekisten bestellen. Die Kirchengemeinde braucht mehr ehrenamtliche Helfer.

Ich fühle mich überfordert von den vielen Wünschen. Bei meiner Flucht ins abgeschottete Ich geht mir allerdings leicht verloren, was Jesus als das Herz des Christentums predigte: die Liebe. Er selbst ist bewegt von uns, er hat unseretwegen geweint, liebt uns mit Leidenschaft. Jesus heilte, versöhnte, er feierte mit Geächteten ein Fest, nahm das Geschenk einer Ausgestoßenen an und ließ Kinder auf seinen Schoß klettern.

Und ich? Will nichts vom anderen mitkriegen. Ich will meine Ruhe haben. Die Zeit reicht doch sowieso schon hinten und vorne nicht. Allerdings erweist sich das als Sackgasse. Forscher haben kürzlich in der Fachzeitschrift Psychological Science eine interessante Untersuchung veröffentlicht. Wer Zeit an andere verschenkt, hat das Gefühl, selbst über mehr Zeit zu verfügen. Die Psychologen gönnten Probanden an einem Samstag 10 Minuten Pause. Andere mussten 30 Minuten lang jemandem helfen. Wer die halbe Stunde hergegeben hatte, war hinterher weniger gestresst als diejenigen, die 10 Minuten Ruhe für sich gehabt hatten. Offenbar bringt es Erfüllung und Frieden, andere zu lieben.

Je mehr ich unter Zeitdruck leide, umso weniger bin ich bereit, ihnen meine Aufmerksamkeit zu schenken – dabei wäre genau das die Lösung. Ich will mich wieder öfter berühren lassen von Menschen und aus dieser Berührung heraus beherzt handeln. Auch wenn es nur eine halbe Stunde ist oder nur ein Nachmittag. Der Zeitdruck darf mir nicht die Menschlichkeit nehmen. Ich möchte die anderen sehen und sie fürsorglich, zärtlich, begeisterungsfähig lieben. Ich glaube, das ist der Weg von Jesus Christus.
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